Zwei Rundbriefe von Mirjam Leidenbach

Freiwillige in Tuzla, Bosnien

Was habe ich erwartet, als ich nach Bosnien gefahren bin?
Ich weiss es nicht.
Aber egal was es war, es war bestimmt nicht das was mich in Tuzla tatsächlich erwartete.

Obwohl ich bereits seit drei Monaten hier bin, habe ich es noch immer nicht geschafft mir ein realistisches Bild von Bosnien zu schaffen. Natürlich habe ich einen gewissen Eindruck gewonnen, aber das Land und die Menschen, die hier leben schaffen es immer wieder mich zu überraschen und mich vor Situationen zu stellen in denen ich mich zuvor noch nie befunden habe.
Fast so als würde man ein Puzzle zusammenzusetzen ohne das Motiv zu kennen. Und jeden Tag findet man ein neues Puzzleteil, dass das ganze Bild wieder verschiebt.
Dennoch fiel das Einleben hier nicht wirklich schwer. Es wurde einem sehr einfach gemacht, sich wie Zuhause zu fühlen. Für mich persönlich war es trotz allem vor allem am Anfang schwierig von Deutschland loszulassen und sich vollkommen darauf einzustellen, dass man jetzt ganz woanders war.
Auch wenn das Heimweh immer noch zwischendurch immer mal wieder aufkommt, ist es doch sehr viel besser geworden. ich fühle mich in Tuzla mehr und mehr Zuhause.
Das liegt zu einem großen Teil natürlich auch daran, dass man solange man sich nur innerhalb von Tuzla befindet hauptsächlich mit "einem" Bosnien konfrontiert wird, dass sehr westlich geprägt ist.
Erst wenn man aus Tuzla rausfährt sieht man eine andere Seite von Bosnien: halbfertige Häuser, teilweise zerstörte Gebäude, Müll überall.
Die ersten Tage war ich von solchen Bildern immer wieder geschockt. Als IPAK nun aber eine Woche lang Besuch von einer Studentin aus Berlin hatte, ist mir bewusst geworden, dass die meisten Unterschiede zur deutschen Kultur für mich bereits selbstverständlich geworden sind.
Eine Hilfe dabei sich einzuleben war natürlich auch, dass mein Mitbewohenr bereits seit zwei Monaten in Tuzla war als ich ankam. Dadurch hatte ich sofort jemanden, der sich auskannte und mir helfen konnte.
Ein einmaliges Erlebnis war auch Silvester in Tuzla zu feiern. Zusammen mit den anderen Freiwilligen in Tuzla und einigen Besuchern machten wir uns am Silvesterabend kurz vor Mitternacht auf den Weg in die Stadt um dort zu feiern. Auf einem Platz im Zentrum der Stadt fand trotz eisiger Temperaturen ein Open-Air-Konzert statt und es waren etliche Menschen in der Stadt unterwegs. Die Stimmung war wirklich einmalig und es war ein sehr einprägsames Erlebnis.

Mein grösstes Problem ist bisher die Sprache. Auch wenn ich immer mehr verstehe, habe ich doch noch nicht den Punkt erreicht an dem ich mich traue zu sprechen. Wenn ich mit einzelnen Personen rede schaffe ich es zumindest mich verständlich zu machen, aber je mehr Leute mir zuhören, desto nervöser werde ich und desto weniger bekomme ich zustande.
Das Problem wirkt sich natürlich auch auf die Arbeit aus. Auch wenn die Verständigung mit den Jugendlichen normalerweise irgendwie klappt (im Notfall muss man eben Hände und Füsse dazuziehen um sich zu verständigen), ist es in den Kursen die ich anbiete schon problematischer, aber auch hier funktioniert ist.
Bisher habe ich drei Kurse. Zum einen mache ich sowohl in Simin Han wie auch in Krizevici eine Kreativgruppe.
Die Gruppe im Jugendzentrum Krizevici, wo ich einmal die Woche arbeite, habe ich von einer anderen Freiwilligen übernommen. Sie hat zusätzlich zum kreativen Teil noch Spanisch angeboten (ein Angebot, das dank der dutzenden spansichen Soap-Operas im Fernsehen begeistert angenommen wurde), etwas was ich natürlich nicht tun kann, aber es klappt bisher dennoch ganz gut. In dieser Gruppe habe ich die meisten Probleme mit der Verständigung, da die Mädchen, die an dieser Gruppe teilnehmen am jüngsten sind, und so muss ich tatsächlich des öfteren auf Zeichensprache zurückgreifen.
In Simin Han, wo ich die restlichen Tage der Woche bin, arbeite ich mit meiner Kreativgruppe hauptsächlich mit Perlen, auch wenn es den Mädchen mit denen ich arbeite eigentlich weniger um das Basteln geht, als darum zusammenzusitzen und reden zu können. Das war zwar nicht der ursprüngliche Sinn der Gruppe, hat sich aber so ergeben und ist eine angenehme Abwechslung, da ansonsten eher wenige Mädchen sind die in Simin Han ins Jugendzentrum kommen.
Zudem nehme ich ausserdem an der Theatergruppe teil, die zunächst von einem weiteren Freiwilligen geleitet wurde, nun aber von Hare, einem Mitarbeiter in Simin Han, geleitet wird. Dennoch habe ich die Möglichkeit jederzeit meine Ideen einzubringen.
Da unser momentanes Theaterprojekt von einer "typischen" bosnischen Familie handelt und die Jugendlichen die Geschichte selber entwickeln ist es hier besonders interessant die Arbeit zu beobachten, da die Teilnehmer viel von ihrem eigenem Hintergrund und ihrer Kreativität einbringen.
Und Kreativität ist wirklich nicht wenig vorhanden.
Nun, da unser Computerraum wieder arbeitet werde ich in der nächsten Zeit auch anfangen ein oder zwei Computerkurse zu geben. Wie und mit welchen Programmen ich in diesen Kursen arbeiten werde weiss ich aber im Moment noch nicht, da es stark von der Gruppe abhängt mit der ich arbeiten werde.
Auch wenn ich Bedenken habe wie ich die Gruppe mit meinen wenigen Sprachkenntnissen leiten werde, bin ich gespannt wie diese Gruppe laufen wird.
Nachdem das Flüchtlingszentrum in Simin Han vor einiger Zeit geschlossen wurde, hatten wir damit zu kämpfen, dass viele Jugendliche Simin Han bzw. Tuzla verlassen hatten. Dieses Prolem legt sich momentan teilweise, da einige der Familien wieder zurück nach Tuzla gekommen sind.
Dadurch haben wir auf der Arbeit mehr Möglichkeiten und natürlich auch mehr Resonanz auf die angebotenen Kurse. Vor allem das Internetcafe stößt dabei auf regen Anklang.

Es ist schwierig zu sagen, ob sich bisher meine Erwartungen an das Freiwilligenjahr erfüllt haben. Auf jeden Fall bin ich mit dem was ich bisher erlebt und gesehen habe sehr zufrieden und ich bin gespannt darauf was in den nächsten Monaten noch geschehen wird.
Im Februar werde ich für einige Tage nach Mazedonien fahren um dort zwei andere Freiwillige besuchen. Ich freue mich darauf zu sehen, wie bei diesen beiden die Arbeit aussieht.

Ich danke allen für ihre Unsterstützung und ihr Interesse.

Mit freundlichen Grüssen,
Miriam Leidenbach


Ein sehr, sehr verspaeteter zweiter Rundbrief.

Eigentlich hatte ich mir schon lange vorgenommen den zweiten Rundbrief zu schreiben, aber immer stand irgendetwas wichtiges an und ich dachte mir "Das wird bestimmt interessant, da warte ich mit dem Rundbrief noch, dann kann ich das noch mitreinschreiben." Im Endeffekt habe ich die Haelfte der Sachen ueber die ich schreiben wollte vergessen. Typisch.

Das Wetter in Tuzla spinnt momentan verrueckt, auch wenn wir tagsueber fast immer schoenes Wetter haben, regnet bzw. gewittert es fast jeden Abend. Das hebt die Stimmung nicht unbedingt und dabei waere das dringend einmal notwendig. Ich habe nur noch vier Monate hier und denke immer oefter darueber nach was ich bisher erreicht habe und was ich eigentlich erreichen wollte. Wie man es auch wahrscheinlich schon erwartet hatten, decken diese beiden Bereiche sich fast gar nicht. Alles hier ist ein bisschen anders gelaufen als ich mir das vorgestellt hatte. Nunja... eigentlich komplett anders. Erst gestern hatten mein Mitbewohner und ich ein Gespraech ueber diese Zielvorstellungen. "Was willst du denn noch machen?", fragte er und dann, als ich fertig war. "Und was haelt dich davon ab, dass zu machen?" Tja.. eigentlich nur ich selber.

Selbstzweifel haben sich aufgebaut. Ich haette mir am Anfang meines Freiwilligendienstes mehr Anleitung, Begleitung gewuenscht. Schliesslich habe ich noch nie in einem solchen Rahmen gearbeitet. Es waere nett gewesen jemandenn zu haben, der einen am Anfang etwas an die Hand nimmt. Dadurch dass diese Hilfe gefehlt hat sind viele Projekte von mir gescheitert. Die meisten schon bevor aus der Idee ueberhaupt ein Projekt wurde. Jetzt koennte ich die Projekte vielleicht besser wenn auch nicht perfekt durchfuehren aber die Misserfolge die bisher geschehen sind, habe ich noch immer im Kopf. Lieber auf Sicherheit, scheine ich zu denken, obwohl ich so eigentlich nicht denken will.

Als ich das Problem mit der Unsterstuetzung in meiner Organisation ansprach, war dieses Problem bereits bekannt - wie auch nicht? Offensichtlich hatten genug Freiwillige vor mir dasselbe Problem.. - und man versprach, dass es sich naechstes Jahr aendern wuerde. Ich hoffe fuer die naechsten Freiwilligen darauf.

"Es ist doch schoen, dass wir so viele Freiheiten haben.", sagte mein Mitbewohner, der ebenfalls Freiwilliger bei IPAK ist "Du startest bei Null und wenn du am Ende etwas auf die Beine gestellt hast, weisst du, dass du das selber hinbekommen hast." Das ist richtig. Aber dafuer muss man eine ganze Menge Selbstvertrauen haben und einiges einstecken koennen. Allerdings war es am Anfang tatsaechlich schwieriger als es jetzt ist. Ich habe mehr Wissen ueber die Kultur gesammelt, weiss mehr ueber Jugendarbeit, kann mich schneller anpassen. Und auch wenn meine Sprachkenntnisse noch immer weit von "gut" entfernt sind, kann ich mich inzwischen wenigstens verstaendigen, auch wenn ich oefters schwierigere Sachen drei oder viermal umformulieren muss bevor verstanden wird, was ich sagen wollte. (Das groesste Problem das ich habe ist immer noch die Aussprache, aber da habe ich inzwischen die Hoffnung aufgegeben, dass sich das extrem bessern wird bis mein Freiwilligendienst vorbei ist). Vielleicht haette ich die Sache ganz anders angehen muessen, denke ich mir momentan sehr haeufig und weigere mich dann immer weiter darueber nachzudenken. Was vorbei ist ist vorbei, sage ich mir, jetzt kann es doch nur noch besser werden. Einfach ist es trotzdem nicht. Auch wegen der ganzen Umstrukturierung die IPAK zur Zeit durchlebt, was die Organisation noch schwerer zu durchblicken macht, als es das vorher schon war.

Noch vier Monate.

Mein Kalender sagt mir noch 115 Tage.
Was habe ich in dieser Zeit noch geplant? Die wenigstens meiner Plaene sind auf die Arbeit bezogen, die meisten sind fuer die Freizeit. Am 27. Mai habe ich zusammen mit der Freiwilligen bei Agora eine Reinigungsaktion in Simin Han. "Der Muell muss weg" heisst es auf den Plakaten. Wir hoffen auf schoenes Wetter und auf viele Helfer. Hare und ich wollen die Theatergruppe neu aufziehen, nachdem das erste Stueck von ihnen mit Erfolg aufgefuehrt worden ist. Christiane und ich wollen vielleicht zusammen eine Maedchenhockeygruppe aufstellen.

Ich habe das Programm fuer meine Computerkurse umgestellt. Mehr Praxis weniger Theorie fuer die erste Gruppe, die sich mit den Grundlagen des Computers beschaeftigt. Weniger Grundlagen, mehr spezielles fuer die zweite Gruppe, die mit einem Computer wahrlich gut umgehen kann. Ich wuerde mit ihnen gerne ins Html reingehen. Eine Internetseite fuer das Jugendzentrum aufstellen, die sie selber gestalten koennen. Morgen wird sich zeigen was sie von dieser Idee halten. Am Freitag geht es dann zu meinem Midterm-Seminar nach Rumaenien. Ich freue mich vor allem darauf einige Freiwillige zu treffen mit denen ich bisher nur Emailkontakt hatte. Im Juli fahre ich mit einigen Freunden zum Musikfestival Exit nach Novi Sad. Wir versuchen noch ein Auto zu organisieren, ansonsten fahren wir eben mit dem Bus. Und einige Tage in Mostar habe ich fuer diesen Sommer auch noch eingeplant.

Im Juli/August sind zwei, drei Jugendbegegnungen bei IPAK geplant. Es wird interessant sein nach fast einem Jahr Leben hier zu erleben, wie jemand auf Bosnien reagiert, der vielleicht zum ersten Mal hier ist.

Wir werden sehen wie es weitergeht. Vielleicht kriege ich tatsaechlich noch ein Projekt auf die Beine gestellt.

Vielleicht werde ich auch einige Zeit nach dem Freiwilligendienst feststellen, dass das Ganze vielleicht doch produktiver war als ich gedacht habe.

Vielleicht...

Tatsächlich aber werde ich erst dann sehen wie es weitergeht. Ich bin gespannt. Und wie in den letzten Monaten wird mich wohl auch diesmal Bosnien überraschen.


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