Abschlussbericht - M. aus H. in T.

Miriam Baumert, Freiwillige in Tuzla, Bosnien

"Wann bist du denn aus Bosnien wieder gekommen?" Ständig wurde ich gefragt. Mal für mal wurde der Abschnitt länger. Für mich hat sich während dieser Zeit nichts geändert. Bosnien ist einerseits so weit weg, ob doch so nah. Hier ist einfach alles so anders, die Menschen, die Umwelt die Landschaft. Diese Wahrnehmung drückt sich in einer zeitlichen Wahrnehmung aus. Durch meine lebhaften Erinnerungen scheint alles jedoch erst gestern gewesen zu sein.

 

Als ob ich gestern mit meinen Kollegen im Büro das letzte mal gesessen hätte, als ob ich gestern fast zu spät zum Bus gekommen wäre, mich hastig verabschiedet hätte, im Bus säße und nicht weinen konnte.

 

Im Bus hat mich eine ältere Dame darauf angesprochen, dass wir einmal zusammen nach Bosnien im Selben Bus gefahren seien, sie erinnere sich so gut an mich, da meine ganze Familie mich verabschiedet hätte und mein Vater die ganze Zeit Fotos gemacht hätte. Bei meiner Ankunft in Hannover konnte ich schon aus dem Bus heraus meinen Vater mit dem Objektiv vor der Nase erkennen. Die Dame lächelte mir zu.

 

Der Kreis schließt sich. Mit heißer Luft der Aufregung und Anspannung im Magen habe ich mich in diesen Bus gesetzt habe zum ersten mal die wundersamen Töne der Folksmusik gehört. Die Menschen gesehen, mit ihnen gesprochen. Mit einem Rucksack voller Andenken an gemeinsame Erlebnisse und Freundschaften kehre ich zurück. Die Musik empfinde ich nicht mehr als ganz so exotisch, eher als nervtötend und die Menschen sind ganz normale Menschen. Angst wurde zu Selbstsicherheit, Anspannung zu Gelassenheit, Aufregung zur Normalität. Diese Prozesse haben sich dennoch nie komplett vollzogen. Ein Funke Spannung und Abenteuer blieb zurück und ließ mich alles viel intensiver leben. Emotionen waren stärker. "Wer nicht riskiert, der nicht gewinnt" Wer nicht wirklich traurig ist, kann sich nicht so sehr über etwas freuen. "Wer das Dunkel nicht fühlt, kann das licht nicht sehen." Unendlich fortsetzbar. Auf einem Diaabend vor einigen Menschen vor ein paar Wochen wurde ich von einem Herren etwas provokativ gefragt: "Was war denn ihre Mission dort? Was haben sie denn bewirkt oder war das alles nur so ein ‚Tralala'?" Von einer konkreten Mission möchte ich mich ein wenig distanzieren. Ziel war es die Organisation in ihrer Arbeit zu unterstützen, das Land kennen zulernen und meine Fertigkeiten zu erweitern. Natürlich habe ich indirekt auch persönliche ideelle Werte, wie friedvolles Miteinander, gewaltfreie Verständigung und Partizipation vor den Jugendlichen vertreten. Inwieweit ich als behütet aufgewachsene im Kleinen damit etwas angeregt habe ist natürlich unklar, denn inwieweit meine Ideale für die Menschen, die in ihrem Leben ganz andere Erfahrungen gemacht haben überzeugend sind ist eine andere Frage.

Ein wenig "Tralala" , muss ich zugeben, war aber auch dabei. Reisen, Menschen kennen Lernen habe, die Feiern, der Kaffee, ...

Bei der Frage "Was hast du denn da tatsächlich gemacht?" oder schön großspurig "Was für Projekte hast du denn da so aufgezogen?" wird mir ein wenig flau im Magen und ich drücke mich umständlich aus. "na ja,..." Ich werde daran erinnert, dass mir oft der Mut oder der Elan gefehlt hat, bestimmte Dinge zu Ende zu führen. Die Theatergruppe habe ich nach einigen Problemen aufgegeben, die Diskussionsgruppe konnte ich aus eigener Kraft nicht wieder aktivieren. Das Seminar was ich geplant habe bestand nur auf dem Papier und eine kleine Freizeit konnte ich auch nicht organisieren. Ein wenig fehlte es mir aber auch an Zuspruch und aktiver Teilnahme der Kollegen an meinen Ideen. Ein wenig konstruktive Kritik hätte mir gut getan. Natürlich gab es immer auch wichtigere Dinge als mich. Dennoch hoffe ich, dass die zukünftigen Freiwilligen ein wenig mehr Beratung organisationsintern genießen können. Vielleicht habe ich dieses Bedürfnis auch nicht eindringlich genug geäußert, oder es war einmal wieder viel zu tun.

Ich habe aber auch positives über die Arbeit zu berichten. Ganz besonders wichtig sind für mich die Beziehungen sowohl zu den Mitarbeitern als auch zu den Jugendlichen. Es war schön zu bemerken wie durch den Zugewinn der Sprachkenntnisse sich viele freundschaftliche Beziehungen entwickelten. Besonders zu der Mädchengruppe, mit der ich einmal wöchentlich alles was man als ‚kreativ' bezeichnen könnte getan, habe ich eine sehr gute Beziehung entwickelt. Zuerst waren sie ungeduldig, nervös, schüchtern, konnten mich nicht verstehen und fanden mich glaube ich sehr sonderbar. Zum Ende hin haben wir uns ganz normal unterhalten und konnten der Kreativität freien Lauf lassen. In Simin Han war besonders schön die Arbeit an einem kleinen Sketch zur Neujahrsfeier. Es handelte sich nur um etwa 5 Minuten, aber alle waren so aufgeregt. Nach erfolgreichem Abschluss haben wir alle hinter der Bühne lauthals geschrieen. Es war ein wunderbares Gemeinschaftsgefühl.

Ja, es war eine wirklich gute Zeit. Jetzt geht es weiter. " Transformation, ist das Stichwort" hätte Ismeth jetzt gesagt. Ich kann ihn genau vor mir sehen, wie er in seinem ausgesessenen Sessel ruhig vor seinem engsten Vertrauten dem Laptop sitzt und etwas müde lächelt vom vielen Erzählen. Ja, es geht weiter. In ein paar Tagen ziehe ich um, nach Bremen, um dort zu studieren. Kulturwissenschaften und Germanistik. Ich freue mich darauf weiterzulernen. Praktische Erfahrungen, theoretisch zu untermauern. Ein neues Kapitel beginnt. Dennoch ist es kein Abschluss des alten. Alles fließt mit ein. Einige neue Ideen bestehen schon. Zum Beispiel hat ein Bekannter mich gefragt, ob ich ihm dabei behilflich sein könne, ein paar Auftrittsorte für seine Theatergruppe zu finden.

Ich danke allen die diese Zeit für mich möglich gemacht haben, Ipak, allen Unterstützern, dem Friedenskreis Halle, der Arbeitsstelle Eine Welt aus Magdeburg. Meine Email Adresse ist sicherlich allen bekannt, schreibt/schreiben Sie ruhig, wenn noch fragen bestehen.

Mit lieben Grüßen noch aus Hannover


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