„Das Gestern im Heute – Acting for Democracy“

Die anschauliche Dokumentation des Projekts finden Sie als Download unten.


Die Idee zu diesem Projekt ist vor zwei Jahren über Grenzen hinaus in verschiedenen Ländern aus unterschiedlichen Netzwerken entstanden. Wir beobachteten Tabus und Abwehrmechanismen in der Auseinandersetzung mit Diktaturerfahrungen einerseits und eine Demokratiemüdigkeit vieler Jugendlicher andererseits. Mit diesem Projekt wollten wir dazu anregen, das Erbe autoritärer Systeme der Vergangenheit stärker zu reflektieren und Jugendliche ermutigen, sich ihrer Verantwortung als aktive Bürger_innen bewusst zu werden. Wir wollten sie befähigen, sich aktiv gegen Diskriminierung und für ihre sowie die demokratischen Rechte aller, auf lokaler und globaler Ebene, einzusetzen. Der internationale Austausch ermöglichte es zudem den Blick auf internationale Zusammenhänge zu erweitern, voneinander zu lernen und die internationale Kooperation zu stärken.

Unser Ziel war es eine Verbindung herzustellen zwischen

  • lokalem Handeln und globalem Denken
  • dem Gestern und Heute
  • der schulischen und außerschulischen Bildung


Ein wichtiger Bestandteil unserer Arbeit war der Peer-to-peer-Ansatz: Jugendliche geben ihre Arbeitsergebnisse an andere weiter. Sie selbst sind Akteur_innen und Multiplikator_innen in einem gemeinsamen Prozess des Lernens, Forschens, Lehrens und Handelns.

Wir arbeiteten mit Jugendlichen, die aus unterschiedlichen Gründen nicht so einfach die Möglichkeit zu internationalen Kontakten haben und mehrheitlich sozial benachteiligt oder ausgegrenzt sind. Unsere Partnerschule in Brasilien arbeitet mit obdachlosen Jugendlichen. In Argentinien fanden die Workshops in einer Schule statt, die sich in einem Stadtviertel mit hoher sozioökonomischer und kultureller Marginalisierung befindet, einer Art Auffanglager für die Landflucht. Die spanische Schule befindet sich in einem Arbeiterbezirk Granadas, die deutsche Sekundarschule in einem sozialen Brennpunkt Halles, beides Stadtteile mit überdurchschnittlich hoher Arbeitslosigkeit.

„Die Idee des Projektes “Das gestern im heute – acting for democracy” ist es, in den Jugendlichen von heute geistige Unabhängigkeit, politisches Bewußtsein zu wecken, die Frage der Demokratie deutlich zu machen, etwas zu tun, damit sich die Jugendlichen für ihre Rechte einsetzen. Man kann sagen, dass unser Land heute “demokratisch” ist; auf verschiedene Weise können wir unsere Meinung kundtun, sei es über die Kunst, wie z.B. das Theater, über das Fernsehen, bis hin zu Cartoons in den Zeitungen. Und wir müssen klar machen, dass wir heute in einer Demokratie leben, weil diese erkämpft wurde, wir müssen dieses Recht wertschätzen, das an uns weitergegeben wurde und uns daran erinnern, dass es viel Schmerzen, Kämpfe und Verluste gekostet hat..und froh darüber sein, dass wir die Freiheit haben, Dinge in Frage zu stellen und unsere Meinung zu sagen.” Juliana Acosta, Schülerin aus Porto Alegre, Brasilien

Unsere Ziele haben wir über folgende Aktivitäten konkret umgesetzt:


1) Ein Planungs- und Vernetzungstreffen in Porto Alegre, Brasilien zwischen Vertreter_innen der formalen und non-formalen Bildungsarbeit aller vier Länder.

Gemeinsam erarbeiteten wir neben dem Empowerment von Jugendlichen hoch gesteckte Ziele wie u.a. das Anstoßen von Dialog und Veränderung in der Nachbarschaft, den Familien, den Schulen und der lokalen Politik.

Außerdem nutzten wir das Planungstreffen für eine öffentliche internationale Projekteröffnung. Offenbar hatten wir angesichts der weitgehenden Tabuisierung der Diktatur in Brasilien mit unserer Veranstaltung einen Nerv der Zeit getroffen: Nach der Kurzpräsentation unseres Vorhabens kam es von Seiten eines bunt gemischten, sehr interessanten und interessiertem Publikums aus Zivilgesellschaft, Wissenschaft, Kunst und Politik zu höchst angeregten Diskussionen. Spontan wurde uns von vielerlei Seite Unterstützung zugesagt. Diese Projekteröffnung war sehr ermutigend; hatten wir doch den Eindruck, mit Das Gestern im Heute – Acting for Demcracy gemeinsam wirklich etwas bewegen zu können.

2. Lokale Arbeit in allen vier Städten während der ersten Projektphase:

75 Jugendliche, davon 53 mit erhöhtem Förderbedarf, von denen viele unter Mehrfachbenachteiligung leiden, setzten sich von März bis Juni 2011 mittels historischer Recherche, Zeitzeuge_inneninterviews und kreativen Methoden, vor allem Theater, Musik und Video, mit der Diktaturvergangenheit ihrer Länder auseinander – mit dem Ziel rassistischem und rechtextremen Gedankengut vorzubeugen sowie sich für ein demokratisches und solidarisches Miteinander heute einzusetzen. Im Juni fanden in allen vier beteiligten Städten öffentliche Veranstaltungen statt, um die Projektergebnisse zu verbreiten. (Die konkrete Arbeit in jedem Land wird in den entsprechenden Kapiteln detaillierter dokumentiert.)

Bereits während der ersten Projektphase lernten sich die Jugendlichen aller vier Länder über Netzstadtspiele kennen, welche als virtuelle Begegnungen über eine Internetplattform einen ersten Austausch zwischen den beteiligten Jugendgruppen ermöglichten.

3. Eine internationale Begegnung delegierter Jugendlicher aller vier Länder:
Vom 25. Juni bis zum 3.Juli 2010 trafen sich je fünf Jugendliche als Repräsentant_innen ihrer an diesem Projekt beteiligten Jugendgruppen in Beas de Granada, Spanien, um sich mit Hilfe von Fotos, Videos und Gesprächsrunden über die Ergebnisse ihrer lokalen Arbeit sowie ihre aktuellen Sorgen und Wünsche auszutauschen . Außerdem führten sie gemeinsam zwei weitere öffentliche Veranstaltungen durch.

4. Die lokale Arbeit in allen vier Städten während der zweiten Projektphase:

Von September bis November 2010 führten wir unsere Ausbildung zur/zum Multiplikator_in fort, damit die Teilnehmenden ihre Erfahrungen und Kenntnisse an andere Schüler_innen über Workshops und/oder Events in ihrer eigenen und anderen Schulen, Organisationen oder öffentlichen Räumen weitergeben konnten, und so andere Jugendliche motivieren über Möglichkeiten des gesellschaftlichen Engagements auf lokaler und globaler Ebene nachzudenken.

5. Ein internationales Abschlusstreffen in Halle, Deutschland:

Vom 16. bis 20.November 2010 fand in Halle (Saale) ein internationales Auswertungs- und Follow-Up-Treffen mit öffentlicher Abschlussveranstaltung statt. Teil nahmen je ein_e bis zwei delegierte_r Jugendliche_r pro Land (aus Halle sechs), begleitet von ein bis zwei erwachsenen Aktuer_innen. Bei der öffentlichen Veranstaltung wirkten überdies sämtliche am Projekt beteiligten Schüler_innen aus Halle mit, um die Projektergebnisse anderen Lehrer_innen, Schüler_innen, Familienangehörigen sowie Vertreter_innen aus Politik und Gesellschaft zu präsentieren.

Zudem hatten wir unser mehrtägiges Auswertungstreffen terminlich so gelegt, dass es sich am 19.11.2010 mit dem 6. Jugend-Geschichts-Tag Sachsen-Anhalt in Magdeburg überschnitt, an dem neben anderen engagierten Jugendgruppen auch Politiker_innen, Fachkräfte, Vertreter_innen der Wissenschaft und Presse teilnahmen, Alle Beteiligten – sowohl die Veranstalter_innen des Jugend-Geschichts-Tages, als auch unsere und andere Teilnehmende – erlebten unser Mitwirken daran als äußerst bereichernd.

Beim Auswertungstreffen äußerten die Schüler_innen länderübergreifend, sie wüssten jetzt viel mehr über die Diktaturen und autoritären Systeme, könnten daher die Demokratie besser schätzen. Viele wollen sich nun aktiver in die Gesellschaft einbringen. Sie hätten gelernt, andere nicht im Vorfeld nach äußerlichen Kriterien zu beurteilen, andere Sichtweisen zu respektieren und über dynamische, nicht-frontale Methoden Inhalte zu erarbeiten sowie weiter zu vermitteln. Sie fühlten sich verwirklicht, wenn andere dank ihrer Tätigkeit „ihren Chip in der Denkweise“ änderten.

„Ich würde mir wünschen, dass solche Projekte mit vielen anderen Jugendlichen aus verschiedenen Kontinenten durchgeführt werden. Dass aus diesem schulischen Projekt ein weltweites Projekt wird und viele Menschen zum Nachdenken bringt.“ Schüler aus Halle/Saale, Deutschland

Die Erfahrung als Peer educators hat die Teilnehmenden besonders in ihren Führungskompetenzen bestärkt. Der Umgang mit einer relativ breiten Öffentlichkeit, sowohl lokal als auch international, stärkten ihr Selbstbewusstsein, ihr öffentliches Auftreten und half ihnen beim Knüpfen weiterer Kontakte. Zudem entwickelten die Jugendlichen eigene Ideen für weiteres lokales und internationales Engagement. Hierbei werden sie selbst die Akteur_innen sein, auch über den Projektzeitraum hinaus. Darüber hinaus sind umfangreiche wertvolle Netzwerke teils neu entstanden, teils ausgebaut worden. Unsere Abschlussauswertung ergab zusammenfassend folgende Highlights: Zusammen gearbeitet zu haben und zu wissen, dass es sich gelohnt hat, die fantastische internationale Gruppe, neue Motivation über die „Power“, die über Kontinente hinweg entstanden ist, über das Teilen von Gefühlen und Ideen, das gemeinsame Schaffen, Kreieren und Aufbauen.

„Ich hätte niemals geglaubt, dass ich nach Spanien fahren könnte, niemand hat daran geglaubt, als ich es erzählt habe, nicht mal ich selbst. Niemand hat überhaupt an mich geglaubt, es war so, als ob ich gar nichts wert wäre, die Leute haben mich nicht mal bemerkt. Jetzt merke ich, dass die Menschen wieder an mich glauben. Alle glauben, dass ich was tun kann. Und ich habe große Lust eine Menge zu tun.“ Juliano Sarjetas, Schüler aus Porto Alegre, Brasilien, 17 Jahre

Wir haben nicht nur alles, was wir uns vorgenommen hatten, realisiert, sondern sogar deutlich mehr Aktivitäten als geplant ins Programm aufgenommen – dies ist dem sogenannten „Schneeball-Effekt“ sowie dem Engagement aller Beteiligten zu danken: der direkt am Projekt beteiligten Vertreter_innen der formalen und non-formalen Bildung, den Aktuer_innen zahlreicher lokaler und internationaler Netzwerke sowie last, but not least – dank der Jugendlichen selbst!

Johanna Scharf und Katrin Alban

 

weitere Informationen: http://actingfordemocracy.net/

 

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