Was atomare Kernschmelze mit Demokratie zu tun hat – ein Rückblick auf spannende Veranstaltungen im Juni
Was haben Atomkraftwerke mit Demokratie zu tun? Und was verbindet uns in Zeiten zunehmender Polarisierung in der deutschen Gesellschaft überhaupt noch?
Kurz vor dem Sommer haben einige Veranstaltungen stattgefunden, bei denen viele Initiativen, Stiftungen und Netzwerke die Möglichkeit hatten, sich auszutauschen, kennenzulernen und über diese und andere Fragen ins Gespräch zu kommen. Das Programm Konfliktberatung war im Rahmen des „Kooperationsverbunds demokratische Konfliktbearbeitung“ und mit dem Projekt „Brücken in die Zukunft“ an verschiedenen Tagungen vertreten, teils aktiv und teils aus Teilnehmendenperspektive. Dabei war gesellschaftlicher Zusammenhalt in Zeiten von Wandel und Spaltung ein wiederkehrendes Thema.
Die Fachtagung „Transformationserfahrungen als Referenzrahmen für gegenwärtige Konflikte“1 fragte konkret: Was haben aktuelle Konflikte mit – gegenwärtigen und vergangenen – Transformationserfahrungen zu tun?
Wunsch der Tagung war es, ein Schlaglicht auf die Verbindung zwischen Transformation und Konflikt zu werfen. Vertreter:innen aus Wissenschaft, zivilgesellschaftlicher Praxis und Politik erkundeten gemeinsam in Austauschformaten mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung eine mögliche Verbindung. Die Impulsvorträge und fachlichen Einordnungen waren sehr bereichernd und einige wertvolle Erkenntnisse konnten dabei mitgenommen werden:
Wandel bewegt – Strukturen, Beziehungen aber auch Erzählungen. Auch in den Diskussionsrunden klangen bekannte Narrative mit Bezug zu zeitgeschichtlichen Umbrüchen, respektive der Wendezeit um 89/90, an. Sowohl negative als auch positive Deutungen sollten aber wohl überlegt sein. Sie bergen in sich Spannungspotenzial und können Basis für Kategorisierungen und Bewertungen sein. In Gruppenbildungsprozessen markieren sie Unterscheidungskriterien zwischen einem „Wir“ und „den Anderen“ und liefern so auch eine Grundlage für mögliche „kollektive Identitäten“. Politisierung und Instrumentalisierung dieser kann Polarisierung und Ausgrenzung Vorschub leisten.
Problematisch sind Narrative in Bezug auf Transformationserfahrungen auch gerade, weil sie simplifizieren und individuell biographische Erfahrungen „verschlucken“. Individuelle Erfahrungen von Verlust, Angst und Marginalisierung bleiben unsichtbar. Denn Transformationen auf individueller Erfahrungsebene sind manchmal nicht nur bloße Umwandlungen oder Brüche. Vielmehr können sie biographische Weichenstellungen sein. Critical junctures – bedient man den politikwissenschaftlichen Begriff aus der Prozessanalyse – nicht nur im Leben der Menschen, sondern auch im Lichte aktueller politischer Entwicklungen. Sie können den Ursprung legen, wie Menschen in der Gegenwart Demokratie und Partizipation erleben und gestalten. Eine nachhaltige Aufarbeitung und Anerkennung individuell biographischer Erfahrungen, die durch ein übergeordnetes Narrativ übersehen werden können, ist umso wichtiger. Nicht zuletzt, auch weil Diskussionen über Wandel aus genannten Gründen emotional aufgeladen sind und vermehrt affektiv denn sachlich geführt werden, was gerade mit Blick auf Konfliktsituationen einer konstruktiven Lösungsfindung hinderlich ist. Der sperrige Transformationsbegriff macht eine Auseinandersetzung mit den zugrundeliegenden Emotionen nicht gerade einfacher. Deutlich wurde, dass unklar bleibt, was genau mit diesem Begriff gemeint sein soll. Gegebenenfalls ist es hilfreicher, konkrete Wandlungsprozesse zu benennen.
Der Fachtag warf also nicht nur ein Schlaglicht auf wichtige Aspekte, sondern auch weitere bedeutende Fragen auf: Wie gelingt es weg von kollektiven Narrationen hin zu individuellen Formen der biographischen Erzählung und Anerkennung zu gelangen, ohne wiederkehrende Rollenbilder und angenommene Identitäten zu bedienen? Wie gelingt in dieser Gemengelage Ermächtigung hin zu Partizipation?
Hier findet momentan ein stärker werdender Bewusstwerdungsprozess statt, wo vieles sich sammelt, sortiert und findet. Ein Baustein zur Beantwortung dieser Fragestellungen ist die persönliche Reflexion: Was hat Transformation mit mir, meiner Praxis/Leben und meinem Konfliktverständnis zu tun? Hier könnte der Zugang zu den zugrundeliegenden Affekten gelingen, eine Verbalisierung möglich werden, um schließlich in die Bearbeitung gehen zu können. Ein methodischer Ansatz, den wir auch im Projekt „Brücken in die Zukunft“ gerne angehen möchten.
Dadurch war auch klar, wie wir uns beim Markt der Möglichkeiten bei „JTC trifft die Region“ zeigen wollten. Das Just Transition Center lud dieses Mal ins Saline Museum in Halle ein. Ziel dieser Veranstaltungsreihe ist u.a. die Arbeit des JTC vor Ort bekannter zu machen und die Forschungsergebnisse in die Region zu tragen. Neben der Vorstellung des JTC war es gerade der Markt der Möglichkeiten der lokale Vertreter:innen aus Wissenschaft und Praxis ins Gespräch kommen ließ. Wir nutzen die Möglichkeit und fragten:
Wie geht es den Menschen mit aktuellen Formen des Wandels? Welcher Wandel genau, definierten die Standbesucher:innen selbst für sich. Das Barometer zeigte, dass eine Tendenz zur Besorgnis besteht. In einer kleinteiligen Abfrage zum Thema „Mein Verhältnis zu Wandel“ wurde deutlich, dass der gemeinsame Austausch als stärkende Ressource wahrgenommen wird. Doch wie gelingt dieser in Zeiten zunehmender Spaltung?
Auf dem Transform_D Summit der Deutschen Stiftung Ehrenamt und Engagement (DSEE) die das Projekt „Brücken in die Zukunft“ fördert, wurde dem Bild zunehmender gesellschaftlicher Spaltung gleich zu Beginn eine statistische Gegenerzählung geboten: Katarina Peranić von „More in Common“ stellte in ihrer Keynote „Wir gegen die. Wirklich?“ aktuelle Umfrageergebnisse dar, die zeigen, dass uns nach wie vor noch vieles verbindet. Wir wissen es nur nicht. So geben bspw. 62 Prozent der Befragten an, dass sie sich um den Zusammenhalt in Deutschland sorgen. Gleichzeitig glauben nur 30 Prozent daran, dass auch andere sich darum Gedanken machen. Solche Wahrnehmungslücken gilt es zu schließen, um das Vertrauen in gemeinsames Handeln zu stärken2.
Außerdem spannend für unsere zivilgesellschaftliche Arbeit sind die sozialpsychologischen Forschungsergebnisse zur deutschen Gesellschaft, die das sogenannte „unsichtbare Drittel“ identifizieren, also Menschen mit Einstellungen hinsichtlich Engagement, Gesellschaft und Politik, die eher in Ohnmacht und Resignation verhängen. Ein große Frage also, wie wir gerade diese Menschen, häufig Jüngere und Menschen mit Migrationsbiographie, mit unserer Arbeit erreichen. Hier spannt sich der Bogen zur Fachtagung Transformationserfahrungen, die den Anfang machte: Wie gelingt es Menschen aus der Ohnmacht/Resignation hin zur Partizipation zu bewegen?
Vereine können helfen diese Aspekte wieder greifbar, sichtbar und erlebbar zu machen. Denn in den Umfragen von „More in Common“ wurde auch deutlich, welchen Stellenwert und welches hohe Ansehen Engagement genießt und das es in krisenhaften Zeiten Anker und Brücke zugleich ist.
Engagement und Ehrenamt standen beim Transform_D Summit natürlich im Zentrum. Das Angebot war vielfältig, die Teilnehmendenzahl mit 1000 Personen entsprechend umfangreich. Die Fachgespräche, Keynotes und Panels waren bewegend und motivierend. In jedem einzelnen Format wurde deutlich: Es braucht eine aktive Zivilgesellschaft, diese jedoch gleichzeitig immer mehr unter Druck gerät. Ehrenamt ist ein wichtiger Pfeiler im gesellschaftlichen Miteinander, den es zu stärken gilt. Dies bestätigte auch Katharina Nocun, die Zivilgesellschaft und Ehrenamt als kritische Infrastruktur einer Demokratie bestätigte. Der Bogen schloss sich am Abend zu diesem Thema mit dem Science Slam von Dr. Christoph Abels zum Thema “Kernschmelze der Demokratie – Was haben Atomkraftwerke mit der demokratischen Verfassung zu tun?“ Zumindest so viel, dass das Aushöhlen wichtiger checks and balances einer Verschiebung von Kontrollverfahren in hochkomplexen Sicherheitssettings gleichkommt: der sogenannte Drift-to-Danger, der eine schrittweise Verschiebung des Toleranzbereichs immer weiter hin zum Gefahrenbereich meint und der Organisationssoziologie entstammt, beschreibt diesen schleichenden, kaum wahrnehmbaren Prozess an dessen Ende das nicht verwunderliche, und trotzdem überraschende Moment des Kollapses steht. Ähnlich einer Kernschmelze verhält es sich mit dem Abbau demokratischer Institutionen: Der Schock erscheint plötzlich, doch der Prozess ist weitaus länger schon im Gange. Um dies abzuwenden, braucht es aktive politische Eliten. Bleiben diese untätig, wird die Rolle und die Bedeutung der Zivilgesellschaft in der Bewahrung demokratischer Strukturen und Institutionen noch deutlicher.
In ihrer gewichtigen Rolle sehen sich viele Vereine gleichzeitig multiplen Herausforderungen gegenüber. Eine große Aufgabe stellt die Gewinnung neuer Mitglieder dar und die Öffnung hin zu neuen Zielgruppen. In seiner Keynote stellte Prof. Dr. Lorenz Narku Laing am letzten Tag des Summits dar, weshalb Diversität dafür einen Schlüssel bei der Lösung des Problems ist und weshalb Öffnung auch Konflikt bedeutet. Diversität bringt neue Perspektiven ein und neue Perspektiven machen Lernerfahrungen möglich. Gleichzeitig bedeutet mehr Diversität auch mehr Konfliktpotential. Denn Vielfalt lebt von unterschiedlichen Wahrnehmungen, Lebensrealitäten und Einstellungen. Dadurch bedeutet Diversität auch, dass man Dinge austragen und diskutieren muss, was seinerseits Ängste speist und trägt, die es zu besprechen gilt. Das macht Öffnung herausfordernd.
Genau dieser Aspekt ist Teil unserer Arbeit beim Friedenskreis in der Begleitung von Vereinen. Wir verstehen uns weniger als Engagementförderung als vielmehr Konfliktberater:innen, die die Prozesse hin zu einer Öffnung begleiten, besprechen und tragfähige Lösungen unterstützen. Die verschiedenen Veranstaltungen haben in jedem Fall hervorgehoben, dass diese Arbeit aktuell hochrelevant ist, auf viel Resonanz stößt und wissenschaftlich wie praktisch viele fruchtbare Zugänge bietet.
1 Eine Veranstaltung des K3B – Kompetenzzentrum Kommunale Konfliktbearbeitung des VFB Salzwedel e.V., Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. und der Stiftung SPI – Sozialpädagogisches Institut Berlin „Walter May“ im Rahmen des Kooperationsverbundes Demokratische Konfliktbearbeitung.
2 Vgl. More in Common(o.J.): Was uns verbindet. Wir rücken Gemeinsamkeiten in den Fokus, S. 3