Abschied und Ausblick: Drei Jahre Engagement für globale Gerechtigkeit
Meine Arbeit als Eine Welt-Promotor für Migration in globaler Perspektive beim Friedenskreis ist vorbei. Nach drei Jahren Aufbauarbeit mussten wir die Stelle in Folge von Mittelkürzungen aufgeben.
Zur gleichen Zeit blicken Millionen geflohene Syrer*innen und Ukrainer*innen nach den Ereignissen der letzten Monate und Tage einer unklaren Zukunft entgegen und stehen schon jetzt vor schwierigen Entscheidungen, darunter viele Freund*innen und Kolleg*innen. Andere Freund*innen aus dem Sudan oder der Demokratischen Republik Kongoversuchen unermüdlich – und oft verzweifelt – uns die katastrophale Situation in ihren Heimatländern begreiflich zu machen. Doch Europa und Deutschland sind mit sich selbst beschäftigt. Hinter uns liegt der nationalistischste Wahlkampf seit ich mich erinnern kann, keine Partei außer der Linken hat sich der absurden Paranoia um Zuwanderung ernsthaft entgegengestellt. Dabei kam zwar vieles zur Sprache, die Realitäten in unserer von Krieg und Ausbeutung zerfressenen Welt aber leider nicht.
Mehr als 10.000 Menschen sind 2024 vermutlich allein bei dem Versuch gestorben, über den Atlantik die Kanarischen Inseln zu erreichen. Die Berichte sind da. Jede*r kann lesen, wie ein junger Mann vergeblich versucht, seinen Bruder davon abzuhalten Meerwasser zu trinken, dieser an Dehydration und Erschöpfung stirbt, sein Bruder es nicht vermag die Leiche über Bord zu werfen. Andere tun es für ihn. Es ist eine absurde Vorstellung, dass Menschen, die immer darauf angewiesen waren, für ihren Lebensunterhalt zu arbeiten, von Sozialleistungen leben wollen. Dennoch entscheiden sich viele Europäer*innen an diese Lügen zu glauben. Jahrhunderte kolonialer Indoktrination machen sich bemerkbar. Jetzt gängeln wir Menschen mit der Bezahlkarte und nichts wird davon tatsächlich besser, für niemanden.
In dieser Situation blicke ich auf meine Arbeit zurück. Bin ich dieser Realität gerecht geworden? Als Eine Welt-Promotor für Migration und ‚Entwicklung‘, wie die Stelle offiziell heißt, war es ab 2022 meine Aufgabe, Verständnis für globale Migration zu fördern und in Sachsen-Anhalt Menschen und Gruppen zu vernetzen, die hierzu arbeiten, deren Lebensrealität das ist.
Voller Dankbarkeit erinnere ich mich daran, wie wir in der Passage 13 in Halle mit Frauen aus dem Iran und Afghanistan über ihren Kampf um Selbstbestimmung gesprochen und danach Fasten gebrochen haben. Und daran, wie viele dieser Frauen anderthalb Jahre später zur Filmvorführung von „What We Fight For“ ins Luxkino kamen, die eingeladene Protagonistin spontan das gesamte Nachgespräch in Farsi übersetzte. Ebenso dankbar bin ich für den Austausch mit Studierenden aus aller Welt, die am Diakonie-Programm STUBE Ost teilnehmen und mit mir über Europas Migrationspolitik diskutierten. Ein Jahr später entstand aus diesem Kontakt ein Magazin über ihre Erfahrungen als Studierende aus dem globalen Süden in Mitteldeutschland.
Veranstaltungen dieser Art kosten in der Organisation manchmal viel Kraft. Aber sie geben eben auch viel zurück, in einem Arbeitsalltag, der meist von vielen Emails und Büroarbeit geprägt ist. Wenn ich dabei stundenlang Rechnungen hinterher gejagt habe oder Protokolle von Austauschtreffen geschrieben, in denen nicht viel voran zu gehen schien, weil alle Beteiligten eigentlich überlastet sind, dann habe ich mich ganz weit weg gefühlt von der globalen Realität. Und manchmal allein mit meinen Gefühlen und Ideen, denn ‚das Projekt‘ das war ja ich. Rauszukommen, eine Veranstaltung zu organisieren oder einen Text zu schreiben, hat mich dann wieder mit dem Kern meiner Arbeit verbunden. Es macht trotzdem nachdenklich, wenn dann nach all der Arbeit 15 meist ohnehin schon informierte Besucher*innen zu einer Podiumsdiskussion kommen. Und jetzt ist ‚das Projekt‘ vorbei.
Immer wieder haben mich in diesen drei Jahren die Rahmenbedingungen unserer Arbeit beschäftigt: Viele Vorhaben und Organisationen hängen fast vollständig von (staatlichen) Fördergeldern ab. Die Gefahr der bewussten oder unterbewussten Anpassung an ‚Förderlogiken‘ ist dabei allgegenwärtig, auch für mich. Statt den Einsatz für globale Gerechtigkeit konsequent mit sozialen Kämpfen hier vor Ort zu verbinden, igeln wir uns früher oder später in ‚Themen‘ ein, wenn wir nicht aufpassen. Statt konsequent auf Beziehungsarbeit in der Nachbarschaft oder im Dorf zu setzen, kommen wir mit unseren ‚Angeboten‘ vorbei. In den Schulen mag das funktionieren, weil dort eine heterogene Gruppe zusammenkommt, aber wie oft erreichen wir außerhalb der Schulen heterogene Gruppen? Und wenn dann die Förderung wegbricht, was wird aus der Vernetzung, den Ideen, den Beziehungen?
Während Gesellschaft und Politik immer weiter nach rechts rücken, hoffe ich, dass wir es schaffen unabhängiger von diesem Druck zu werden. Der Friedenskreis ist wie viele Organisationen tief in die Zwänge des Fördersystems eingebunden und benötigt dringend freie Mittel, vor allem Spenden. Zugleich habe ich den Friedenskreis nach innen, im Team, als Ort der Freiheit kennengelernt. Ich bin dankbar für das Vertrauen, dass mir und meinen Fähigkeiten hier entgegen gebracht wurde und für die tollen, engagierten, aufmerksamen Menschen, die ich hier kennengelernt habe. Ich bleibe dem Verein als Mitglied erhalten und dem Eine Welt-Netzwerk Sachsen-Anhalt als ehrenamtlicher Vorstand. Dort möchte ich die wichtigsten Impulse meiner Arbeit weiterentwickeln.
All das bleibt und ich sage bis bald!
Niels Kropp