30 Jahre später: Serbien weit von der Anerkennung des Genozids in Srebrenica entfernt
Trotz zahlreicher Urteile des Internationalen Strafgerichtshofs für das ehemalige Jugoslawien sowie des Internationalen Strafgerichtshofs, die den Charakter der Verbrechen in Srebrenica bestätigt haben, ist die Relativierung und Leugnung des Genozids die vorherrschende Reaktion der serbischen Gesellschaft. Der Genozid wird nicht nur geleugnet, sondern Einzelpersonen, die für dieses Verbrechen verurteilt wurden, wie Ratko Mladić und Radovan Karadžić, werden als nationale Helden und „Befreier des serbischen Volkes“ glorifiziert. Darüber hinaus verstecken sich Einzelpersonen, die verdächtigt werden, an der Ermordung von Zivilisten beteiligt gewesen zu sein und gegen die ein Haftbefehl des Gerichts in Bosnien und Herzegowina vorliegt, auf dem Gebiet Serbiens.
Auch nach 30 Jahren, nach all den Urteilen und gerichtlich festgestellten Tatsachen, nach allen Zeugenaussagen der Überlebenden, ist die serbische Gesellschaft immer noch weit davon entfernt, das, was dort geschehen ist, elementar anzuerkennen. Die Folgen des Mangels an Auseinandersetzung mit der Vergangenheit sind auf allen Ebenen der Gesellschaft spürbar. Eine der Konsequenzen ist ein autoritäres Regime, das aus Personen besteht, die in den 1990er-Jahren direkt an der Kriegsmaschinerie des Milošević-Regimes beteiligt waren. Das aktuelle Regime benutzt das Motto „Die Serben sind kein genozidales Volk“, das darauf abzielt, Kriegsverbrecher und die für diese Verbrechen verantwortliche Politik zu verteidigen, indem es ein Gleichheitszeichen zwischen den Tätern und dem serbischen Volk setzt. Solche Rhetorik führt dazu, dass Kriegsverbrecher immer stärker als Verteidiger der Nation glorifiziert werden, weil durch ihre Anklage das serbische Volk als „genozidale Nation“ dargestellt werde.
Im Einklang mit einem solchen Diskurs werden Gruppen und Einzelpersonen, die sich seit Jahren für die Anerkennung des Genozids in Srebrenica einsetzen, mit Hass und Gewalt konfrontiert und als Feinde des serbischen Volkes bezeichnet. Ein solches politisches Klima kann nicht nur keinen gesellschaftlichen Dialog über das Erbe der Vergangenheit eröffnen, sondern erzeugt auch Gewalt gegenüber all jenen, die anders denken und die dominante Erzählung von den Serben als den einzigen und größten Opfern der Kriege infrage stellen.
„Frauen in Schwarz“ ist eine der zivilgesellschaftlichen Gruppen, die sich seit 30 Jahren aktiv für den Aufbau einer Erinnerungskultur einsetzen, in der das Leid und der Verlust der Opfer anerkannt werden, die aber auch eine umfassendere institutionelle und außerinstitutionelle Aufarbeitung der Kriegsgewalt fordert. Aufgrund des gesellschaftlichen und politischen Klimas war diese Organisation zahlreichen Angriffen und Drohungen ausgesetzt – sowohl durch politische Strukturen als auch durch nationalistische Gruppen innerhalb der Zivilgesellschaft. Seit Jahren gedenkt diese Gruppe jedes Jahr am 10. Juli auf dem Platz der Republik in Belgrad des Völkermords in Srebrenica und reist am 11. Juli zur Gedenkveranstaltung nach Srebrenica. Bei einer ihrer Straßenaktionen zum Gedenken an den Völkermord in Srebrenica in Valjevo im Jahr 2014 wurde die Gruppe auch körperlich angegriffen.
Verbale und physische Angriffe auf diejenigen, die die Anerkennung des Völkermords in Srebrenica fordern, finden seit Jahren statt, mit dem Ziel, sie zum Schweigen zu bringen und zu bekämpfen, weil sie das herrschende Narrativ infrage stellen. Die Gewalt, die früher vielleicht auf solche gesellschaftlichen Gruppen wie die „Frauen in Schwarz“ beschränkt war, hat sich auf die breitere Gesellschaft ausgeweitet und richtet sich nun gegen alle, die sich dem Regime widersetzen. Die Protestwelle, die derzeit in Serbien von Studierenden organisiert wird, die Universitäten blockieren, zeigt die Folgen der fehlenden Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, da sich die Logik der Gewalt gegen Andersdenkende ausbreitet und nun alle erfasst, die das Regime kritisieren. Vor dem serbischen Parlament wurde von regimenahen organisierten Gruppen ein Transparent aufgehängt, auf dem zu lesen war: „Blockierer, merkt euch: Serbien ist kein genozidaler Staat.“
Das zeigt genau, dass das Fehlen einer Auseinandersetzung mit der Vergangenheit dazu führt, dass sich die Logik der Gewalt in der Gesellschaft ausbreitet und dass die Opfer dieser Politik nun nicht mehr nur diejenigen sind, die einen anderen Namen oder eine andere Herkunft haben, sondern alle, die anders denken. Jahre des Schweigens, der Relativierung und der Leugnung haben dazu geführt, dass die serbische Gesellschaft immer tiefer in Gewalt und Autokratie abrutscht. Darüber hinaus liefert das aktuelle Regime derzeit Waffen an Israel, was für Gruppen wie die „Frauen in Schwarz“ eine der Konsequenzen der Leugnung des Völkermords in Srebrenica und eine Fortsetzung der Verwicklung Serbiens in Kriegsverbrechen darstellt.
Auch nach 30 Jahren ist die serbische Gesellschaft weit davon entfernt, das anzuerkennen, was in Srebrenica geschehen ist, und Veränderungen in dieser Hinsicht sind noch nicht in Sicht.
Stefan Milosavljevic
Weiterführende Quellen:
Website von Women in Black – for justice and against war: https://womeninblack.org
Artikel: Women in Black, thirty years of defying serbian nationalism: https://www.atalayar.com/en/articulo/politics/women-black-thirty-years-defying-serbian-nationalism/20211031161717153568.html
Video: Serbian peace group marks Srebrenica anniversary in Belgrade: https://www.youtube.com/watch?v=efjx792hDEM
Video: Rival protests in Belgrade ahead of Srebrenica anniversary: https://www.youtube.com/watch?v=rGFA-whiJgg