Srebrenica – 30 Jahre Erinnern
Das Massaker von Srebrenica, bei dem 1995 über 8.000 bosnisch-muslimische Jungen und Männer von bosnisch-serbischen Truppen ermordet wurden, gilt als das größte Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Im Juli jährt es sich 30 Jahre.
Durch die Verabschiedung einer Resolution der UN-Vollversammlung im Mai letzten Jahres, wird in diesem Jahr zum zweiten Mail ein weltweiter Gedenktag am 11. Juli begangen, dem International Day of Reflection and Commemoration of the 1995 Genocide in Srebrenica. Im Rahmen dessen findet am 11. Juli eine Debatte im Bundestag sowie offizielle Gedenkveranstaltungen in Berlin statt. Für einen Überblick: https://www.gfbv.de/de/pm/einladung-zu-gedenkveranstaltungen-im-juli-in-berlin-save-the-date-11733/
Serbien und die Republika Srpska (mehrheitlich serbischer Teil Bosniens, in der Srebrenica liegt) leugnen jedoch bis heute die Verbrechen, die vom internationalen Gerichtshof sowie vom internationalen Jugoslawien Tribunal, welches von 1993 bis 2017 mit der juristischen Aufarbeitung beauftragt war, als Völkermord eingestuft wurden. Dies führt zu gesellschaftlichen Spannungen und realen Gefährdungen für die Gedenkstätte Srebrenica in Potočari (https://srebrenicamemorial.org/en). Aus Sicherheitsgründen musste die Gedenkstätte in diesem Jahr vorübergehend geschlossen werden.
Zur Lage in Serbien und wie weit der Staat von der Anerkennung des Völkermords entfernt ist, hat der Friedensaktivist und ehemaliger Freiwilliger beim Friedenskreis Stefan Milosavljevic einen Text geschrieben: Hier zum Text
Auch in Deutschland werden Gedenkstätten und Erinnerungsorte der NS-Verbrechen immer wieder Ziel von rechtsmotivierten Angriffen und Drohungen. Insbesondere durch den gesellschaftlichen Rechtsruck und den Aufstieg der AfD haben Relativierung und Leugnung dieser stark zugenommen (zu Geschichtsrevisionismus und verbreiteten Mythen siehe die Website des Projekts Geschichte statt Mythen: https://www.geschichte-statt-mythen.de).
Dies war Anlass für eine Paneldiskussion zum Thema Gedenkstätten und erinnerungspolitische Arbeit im polarisierten Umfeld im Rahmen einer Veranstaltung der Heinrich Böll Stiftung in Berlin unter dem Titel 30 Jahre später – Umkämpftes Erinnern, die ich am 30. Juni besucht habe. Zu Gast waren: Hasan Hasanović, Überlebender des Massakers von Srebrenica und Kurator der Gedenkstätte in Potočari, die Kustodin der Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora Dr. Julia Landau sowie die auf Völkerrecht spezialisierte bosnische Juristin Dr. Sabina Subašić Galijatović.
Wer sich für die aktuellen Herausforderungen der Erinnerungsarbeit in Bosnien und Deutschland, die persönlichen Erfahrungen und Erzählungen des Überlebenden Hasan Hasanović sowie für die völkerrechtliche Auseinandersetzung und Fragen der Verantwortung in diesem Kontext interessiert, das Gespräch ist in voller Länge auf Youtube anzusehen: https://www.youtube.com/watch?v=ccg1QPYALFQ
An diesem Abend hat außerdem die bosnisch-amerikanischen Künstlerin Aida Šehović ihr Projekt ŠTO TE NEMA („Where Have You Been“) vorgestellt – ein partizipatives und mobiles Denkmal nicht ausgetrunkener Kaffeetassen für ein gemeinsames zivilgesellschaftliches Erinnern an die Opfer von Srebrenica. Die Präsentation und ein anschließendes Gespräch waren an diesem Abend Teil der zweiten Podiumsdiskussion unter dem Titel „Mit den Mitteln der Kunst gegen das Schweigen der Gesellschaft“ (ebenfalls unter dem Youtube-Link anzusehen, ab 1:34).
Aus dem Projekt heraus ist auch die gemeinnützige Organisation ŠTO TE NEMA mit Sitz in Sarajevo und New York entstanden, die Kunst als Werkzeug für aktives Erinnern und Widerstand nutzt: https://stotenema.com
Für eine weitere Auseinandersetzung mit dem Thema, möchte ich an dieser Stelle noch auf einige interessante Quellen hinweisen:
Spielfilm – Quo Vadis Aida (2020/Jasmila Žbanić): https://www.quovadisaida.de, auszuleihen im Filmkunstverleih Format in der Geiststraße oder anzusehen in der arte Mediathek ab dem 23.07: https://www.arte.tv/de/videos/085331-000-A/quo-vadis-aida
Dokumentarfilm – The Srebrenica Tape: From Dad, to Alisa (2025/Chiara Sambuchi), aktuell anzusehen in der arte Mediathek: https://www.arte.tv/de/videos/115063-000-A/das-srebrenica-tape
Hörspiel – Srebrenica: Ich zählte mein Leben nur noch in Sekunden (2025/Armin Smailovic und Branko Šimić), abrufbar auf Deutschlandfunk Kultur: https://www.hoerspielundfeature.de/srebrenica-hoerspiel-ueber-das-kriegsverbrechen-von-1995-100.html
Radiobeitrag – „Srebrenica is their problem“ – 30 Jahre nach dem Massaker, Gespräch mit dem Überlebenden Nedžad Avdić, Radio Corax: https://radiocorax.de/srebrenica-is-their-problem-30-jahre-nach-dem-massaker
Buch – Srebrenica überleben (2022/Hasan Hasanović), bestellbar über die Bundeszentrale für politische Bildung: https://www.bpb.de/shop/buecher/schriftenreihe/550718/srebrenica-ueberleben
Dokumentation – Re: Leben im Schatten des Völkermords, unter anderem über Erinnerungsarbeit vor Ort: https://www.arte.tv/de/videos/120880-003-A/re-srebrenica-leben-im-schatten-des-voelkermords
Überblicksartikel bei der Bundeszentrale für politische Bildung: https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/312564/vor-25-jahren-das-massaker-von-srebrenica
Foto: ŠTO TE NEMA (https://stotenema.com)